Jörg Schmitz: Zombies auf dem Gipfel des Kilimandscharos

Schritt … Für … Schritt … Weitergehen … Weiter … Gehen … Ganz still ist es hier oben. Und bitterkalt. Und dunkel. Im Kegellicht meiner Stirnlampe erkenne ich den schmalen, grauen Schotterweg vor mir, über mir. Wenn ich nur mehr Kraft hätte, etwas schneller gehen könnte. Jeder Schritt wie in Betonschuhen. Meine Lunge presslufthämmert. Mein Magen rebelliert. Vor mir mein Guide mit dem seltsamen Namen Praygod. Schon über 50 Mal hat er Leute wie mich, die nicht wirklich wussten, auf was sie sich hier einlassen, auf den höchsten Berg Afrikas, den Kilimandscharo geführt.

Ich kann seine Hacken sehen, seine ausgelatschten Wanderschuhe im Schein meiner Stirnlampe. Seit Mitternacht trotte ich schon hinter ihm her. Stunde um Stunde. Kurz stehen bleiben, durchatmen. Ein Blick auf die Uhr: Es ist 5 Uhr früh. Punkt Mitternacht sind wir von der letzten, 4.700 m hoch gelegenen Kibo-Hütte zum Gipfelanstieg gestartet, um den Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu bewundern. Macht ihm das hier gar nichts aus? Wie locker er noch geht.

Heulen oder Kotzen?

Wie hoch wir wohl sind? Weiter unten bewegen sich mehrere Lichter langsam die schmalen Serpentinen hoch. Plötzlich steht mit gelber Schrift auf einem dunklen Holzbrett vor mir “You are now at Gillman’s Point, 5681 M“ – der schwarze Kraterrand des Kilimandscharo. Von hier aus geht es noch etwa 1,5 Stunden weiter zum Gipfel auf 5.895 m. Gute 200 Höhenmeter also noch. Kurz hinsetzen, zur Ruhe kommen, durchatmen. So leer, so kraftlos war ich noch nie. Soll ich heulen oder kotzen? Ich entscheide mich fürs Heulen. Es ist immer noch dunkel. Aber was für eine grandioser Sternenhimmel. Wenn ich doch nur nicht so fertig wäre und das alles genießen könnte. Aufstehen und weitergehen? Den inneren Schweinehund weiter besiegen? Warum soll ich ihm noch mehr wehtun? Ich mag meinen Schweinehund. Er ist wie ich. Er will auch nicht weiterlaufen.

Doch die Kälte kriecht langsam aber unerbittlich durch meinen Körper. Aufstehen … Weitergehen … Dies ist keine nette Hütten-Tour in den bayerischen Alpen. Ich will den höchsten Berg Afrikas erklimmen. Vor diesem Trip, gemütlich auf meinem Sofa sitzend, hatte ich gelesen, dass der Aufstieg für einen durchschnittlichen mitteleuropäischen Großstädter einfach nur “Leiden“ bedeutet. Stimmt, denke ich jetzt.

Zunehmende Verfettung

Warum tue ich mir das an? Tja, vor einem Jahr saß ich bei meinem besten Freund Christoph nachts um zwei oder halb drei im Wohnzimmer. Ein Kasten Bier war bereits geleert. Wir stellten fest, dass wir immer älter werden. Das war halbwegs ok. Und wir stellten fest, dass wir seit ein paar Jahren zunehmend verfetten. Das war nicht ok.

Noch mal richtig Sport treiben für ein großes Ziel, das wär’s. Marathon? Macht jeder, also nein. Mount Everest? Vielleicht doch ein bisschen hoch. Kilimandscharo? Knapp 5.900 m? Also nur etwa doppelt so hoch wie die Zugspitze. Klingt machbar. Prost! Im fröhlichen Suff der folgenden Minuten einigten wir uns auf zwei Dinge:

  1. Wir trainieren uns innerhalb eines Jahres jeweils mindestens 20 Kg runter und
  2. steigen wir dann mal eben auf den Kilimandscharo – Deal!
Träger

Einheimische Träger: Die wahren Helden einer jeden Kili-Tour

Ein Jahr später und insgesamt 40 Kg leichter stehen wir am Eingang des Marangu-Gates, mitten im afrikanischen Urwald. Von hier aus geht die leichteste Route auf den Berg. Rund 40 Km hinauf. Rund 40 Km hinab. Wir sind keine Bergsteiger. Wir haben gerne nachts ein Dach über dem Kopf. Übernachtung in Hütten, Betten und drei Mahlzeiten täglich. Deshalb haben wir uns für den Marangu-Trail entschieden – auch wenn er als Coca-Cola-Route verschrien ist.

Vom Äquator in die Arktis

Nach fünf Stunden über einen leicht ansteigenden, lehmigen Pfad durch einen urwüchsigen Regenwald gelangen wir zu unserem ersten Etappenziel: die A-förmig gebauten Mandara-Hütten auf knapp 2.700 m. Vorbei an moosbehangenen Baumriesen, graugrünen Flechten und meterlangen Lianen. “Pole, pole“ lautet die Zauberformel von unserem Guide Praygod: “Langsam, langsam“.

Jedes Jahr kommen immer wieder mehrere Touristen ums Leben, weil sie die Auswirkungen der Höhe auf den menschlichen Organismus unterschätzen. Die empfohlenen Akklimatisationstaktiken: mindestens 5 Liter pro Tag trinken, viel schlafen, keine Medikamente. Vor allem langsam aufsteigen.

Am zweiten Tag lassen wir den Regenwald hinter uns und wandern gemächlich durch eine Gras- und Heidelandschaft. Bei der ersten Rast genießen wir einen atemberaubenden Ausblick auf den schroffen 5.148 m hohen Mawenzi, der wie ein kleiner Bruder nur wenige Kilometer neben dem Kilimandscharo in den strahlend blauen Himmel ragt. Elf Kilometer sind es bis zu den sich in rund 3.700 m Höhe befindenden Horombo-Hütten.

Hier finden 120 Menschen Platz, denn viele steigen über die Horombo-Hütten wieder runter. Oft sind sie überfüllt, weil viele Bergsteiger schlapp machen und ihr Bett nicht für die Nachrücker räumen. In dieser Höhe treten bei vielen die ersten Symptome von Höhenkrankheit auf: Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel. Tatsächlich stellt sich bei uns bald ein unangenehmes Stechen im Schädel ein.

In der großen Gemeinschaftshütte treffen wir beim Abendessen auf einige Bergsteiger, die gerade vom Gipfel kommen – oder sich zumindest auf dem Weg nach unten befinden. Zwei grenzdebil vor sich hinstarrende Amerikaner neben uns bitten um Salz. “Gerne“ antworte ich völkerverbindend. Sie haben es nicht bis ganz oben geschafft, erzählen sie. Erschöpft, aber viel zu detailliert schildern sie, wie sich ihr Mageninhalt beim Aufstieg immer wieder plötzlich und heftig einen Weg nach draußen suchte. Mahlzeit.

Unser Optimismus schwindet. Aber zum Glück ist Tag drei den roten Blutkörperchen gewidmet. Akklimatisierung steht auf dem Programm. Eine kleine Wanderung hoch auf 4.300 m auf den Sattel zwischen Kilimandscharo und Mawenzi. Dann wieder runter zu den Horombo-Hütten. So soll sich der Körper an die Höhe gewöhnen.

Wo alles Leben zum Stillstand kommt

Am vierten Tag erreichen wir jene Zone, wo alles Leben zum Stillstand kommt. Hier und da noch ein paar kleine Flechten und Moose, doch immer mehr schiebt sich das graue, leblose Lavafeld in den Vordergrund. Eine stetig ansteigende Steinwüste wie auf dem Mars. Vor uns erhebt sich der höchste freistehende Berg der Erde. Und je näher wir ihm kommen, desto mehr gleicht er einfach nur einem riesigen Schutthaufen.

Am Fuße dieses Schutthaufens liegt auf 4.700 m Höhe die wenig gastliche Kibo-Hütte an der Ostflanke des Berges – vier Zimmer mit je zwölf Etagenbetten. Ein Bergsteiger wird an uns vorbei auf einer Trage hinunter gebracht. Doch uns beiden geht es richtig gut. Während andere Bergsteiger teilweise heftig unter der Höhe leiden, haben wir die zweite Luft – noch.

So gegen 18 Uhr kriechen wir in unsere Schlafsäcke, um vor dem letzten Aufstieg wenigstens noch für ein paar Stunden Ruhe zu bekommen. Um 23.30 Uhr weckt uns Praygod mit heißem Tee und ein paar Keksen. Raus aus den warmen Schlafsäcken. Dann treten wir hinaus in die schwarze Kälte. Minus 15 Grad, windstill und sternenklar, ideale Bedingungen für den Aufstieg. Gleich oberhalb der Kibo-Hütte beginnt der schmale Serpentinen-Pfad zum Gipfel den steilen Geröllhang hoch. Bis zum Kraterrand liegen noch 1.000 Höhenmeter auf einer Strecke von nur 3,5 Kilometern vor uns.

Im Gänsemarsch schleichen wir nach oben. Etwas über 5.000 m spielen sich die ersten kleinen, persönlichen Dramen ab. Immer wieder kommen wir an Bergsteigern vorbei, die ihren Tribut zahlen für die Höhe, den Schlafmangel oder die fehlende Fitness.

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Aus und vorbei

Doch auch Christoph benötigt nach immer weniger Schritten immer mehr Pausen. Bei etwa 5.200 m geht er das erste Mal in die Knie, doch schnell rappelt er sich wieder auf. Praygod rät ihm zum Abstieg. Aber Christoph kämpft, will es wenigstens bis zum Gillman’s Point, dem Kraterrand auf 5.681m schaffen. Dann plötzlich, irgendwo zwischen 5.400 und 5.500 m klappt er einfach links zur Seite weg und fällt auf den Schotter. Nichts geht mehr. Vorbei. Kotzen. Tränen. Abstieg.

Ich steige mit Praygod weiter hoch … Schritt … Für … Schritt … Weitergehen … Weiter … bis zum Gilman’s Point. Praygod sieht meine Tränen. “Bist du ok?“ Ja, aufstehen und weiterschleichen. Noch gute 200 Höhenmeter bis zum Gipfel. Immer den Kraterrand entlang. Die Luft ist noch dünner und kälter geworden. Aber der Pfad steigt zum Glück kaum noch an.

Schnell geht links neben uns die Sonne auf. Kaltes, glitzerndes Licht. Unter uns ein riesiger, strahlender Gletscher. Blendend weiß. Und Wolken, die wie Zuckerwatte den Kilimandscharo umgeben. Der Geröllboden unter uns färbt sich in ein warmes, leuchtendes Rot. Und in der Ferne erhebt sich der Mawenzi. Welch ein unvergleichlicher Augenblick.

Ich schleiche, wie in Zeitlupe. Schließlich erreichen wir einen sanften Buckel – und würde da nicht ein Schild stehen mit der Aufschrift “Congratulations – You are now at Uhuru Peak, Tanzania, 5895 m – Africa’s highest Point“, wäre ich wohl noch eine ganze Weile weiter geschlichen. Was ich fühle? Nichts, rein gar nichts. Ich bin zu erschöpft, viel zu leer. Ein wankender Zombie auf dem Gipfel.

Hinlegen … Schlafen

Mein Abstieg erfolgt wie unter Drogeneinfluss: kichernd, stolz, glücklich und ziemlich fertig. Nach gut sieben Stunden sind wir wieder an den Horombo-Hütten. Christoph hat sich bereits ein wenig von den nächtlichen Strapazen erholt. Ich lege mich um 16 Uhr ins Bett – und werde erst am nächsten Morgen um 7 wach. Am sechsten und letzten Tag genießen wir den Abstieg, hinein in die dicke, gesunde Luft.

Am frühen Nachmittag erreichen wir schließlich unsere Ausgangsstation, den kleinen Ort Moshi am Rande des Kilimandscharo. Eine warme Dusche und ein Glas Bier später ziehen wir Fazit: Es war ein atemberaubendes Erlebnis – aber wir werden es garantiert nie wieder tun.

 

*******  Über den Autor ******* 

Jörg ist leidenschaftlicher Globetrotter und ebensolcher Fan des 1.FC Köln. Lieblingsreiseländer: Indien, Kambodscha und Australien. Er wird sich frühestens im Alter von 125 und im Rollstuhl sitzend wieder auf ein Kreuzfahrtschiff begeben.

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fluggast Unsere Fluggäste im tripsta Blog sind Reise- und Techblogger sowie Reisebegeisterte, die hier als Gastautoren zum Thema "Digitales Reisen" bloggen. Wir sind jederzeit auf der Suche nach weiteren Gastautoren. Bei Interesse könnt ihr euch gerne bei Christina (blog (at) tripsta.de) melden.

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