Zeitfenster-App: Der Fluxkompensator fürs Smartphone

Ich erinnere mich noch gut an meine Grundschulzeit Mitte der 80er, als ich im Winter mit dem Fahrrad zur Schule fahren musste und sich meine noch nassen Haare in Eiszapfen verwandelten. Wie oft ich mich in dieser halben Stunde gefragt habe, warum nicht einer endlich mal diese Beamstationen erfinden kann. Jahre später ging mir beim Skateboardfahren übrigens Ähnliches durch den Kopf. Theoretisch müsste man sich nur an einen alten Toyota dranhängen, Geschwindigkeit aufnehmen und der Fluxkompensator könnte einen ab in die 50er katapultieren. Ja richtig, ich bin ein Fernsehkind der 80er und als viele Jahre später dann Apple das erste iPhone auf den Markt brachte und alle nur noch wischten statt tippten, dachte ich tatsächlich: Bald ist es soweit, die Erfindung von Beam- und Zeitmaschinen kann nicht mehr lange dauern. Nun gut, auch wenn die echte Zeitmaschine vielleicht erst nach meiner Zeit erfunden wird (und mein Zukunfts-Ich bitte diesen Beitrag hier liest), habe ich zumindest neulich eine tolle App entdeckt, mit der man beim Stadtspaziergang schon mal einen Blick in die Vergangenheit werfen kann.

Historischer Spaziergang

Historischer Spaziergang mit der App

Mit der Zeitfenster-App begibt man sich auf Zeitreise und entdeckt die Vergangenheit der eigenen Stadt durch die Smartphone-Kamera. Das Ganze funktioniert so: Nähert man sich einem sogenannten Zeitfenster öffnet sich die Augmented-Reality-App automatisch. Beim Blick durch die Smartphone-Kamera verschmelzen dann historische Fotografien mit der Gegenwart und es entsteht tatsächlich der Eindruck, man blicke durch ein Fenster in die Vergangenheit. Ein begleitender Audioguide liefert die Geschichte des Ortes dazu. Jeder kann zudem seine eigene Perspektive von dem Ort, an dem er steht, als individuellen Zeitstempel speichern. Die fotografische Vergangenheit und die Gegenwart als eigenes Bild verschmelzen und können logischerweise über Facebook, Twitter und E-Mail geteilt werden.Derzeit ist die iPhone-App noch in der Beta-Phase. Touren gibt es bis jetzt für Berlin und Stuttgart.

Hinter dem Fluxkompensator fürs Smartphone stehen drei Gründer, die als Masterstudenten der Hochschule der Medien in Stuttgart die App entwickelt haben. Wie man auf die Idee kommt, eine Zeitreise-App zu erfinden, hat mir Patrick Burkert, einer der Gründer, erzählt: „Wir stellten bei einem sommerlichen Spaziergang durch Stuttgart fest, dass sich das Stadtbild durch die vielen Baustellen in kürzester Zeit stark verändert hatte. Uns war nicht mehr ganz klar, wo jetzt genau welches Gebäude noch vor einem halben Jahr stand und wie es einmal ausgesehen hat. So kam schnell die Idee eines „mobilen Gedächtnisses” und einer „Zeitmaschine” auf, die einem genau anzeigt, wo etwas einmal war und wie es damals ausgesehen hat. Als damalige Masterstudenten der Hochschule der Medien Stuttgart wollten wir mit unseren Fähigkeiten den Versuch starten, eine Zeitmaschine zu bauen, um gegen das Vergessen anzukämpfen und das wieder sichtbar zu machen, was längst im Verborgenen gelandet ist. Zeitfenster war geboren.“

Eine der größten Herausforderungen bei dem Projekt wird sicher sein, genug historisches Bildmaterial zusammenzubekommen, um dann gute, außergewöhnliche Touren anbieten zu können. Für Stuttgart gibt es in Zusammenarbeit mit dem Landesmedienzentrum Baden-Württemberg und dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg die Zeitreise „Stuttgarter Hauptbahnhof. Monumental und umstritten“. Gerade im Hinblick auf Stuttgart 21 sicher ein interessanter Rückblick. In Berlin wandelt man bei der Zeitreise „Wir waren so frei. Momentaufnahmen 1989/1990“ in die Zeit des Mauerfalls zurück. Hier konnten die Gründer die Deutsche Kinemathek als Kooperationspartner gewinnen. Das Angebot ist sicher nicht nur für Städte interessant. Die Gründer des gleichnamigen Start-ups „Zeitfenster“ sind offen für jegliche Kooperation, auch Whitelabel-Lösungen der Anwendungen sind nach Auskunft von Patrick ebenfalls möglich.

Brandenburger Tor 1989 & heute

Brandenburger Tor 1989 & heute

Meiner Meinung nach könnten gerade Unternehmen von der Technologie profitieren und spannende Touren entwickeln. Ich war ja mal in Stuttgart im Mercedes-Benz-Museum. Bocklangweilig und das aus zwei Gründen: Erstens interessiere ich mich überhaupt nicht für Autos, und zweitens erzählen die wenigsten Museen ihren Besuchern wirklich spannende Geschichten. Da war das Mercedes-Benz-Museum leider keine Ausnahme. Alles muss man sich in Museen selbst erarbeiten, die Schilder lesen, die Kunst (oder Autos) auf sich wirken lassen und wenn man „Glück“ hat, bekommt man noch abgeranzte Kopfhörer in die Hand gedrückt und ein langweiliger Museumssprecher erzählt faktisches Wissen während man durch die Gänge wandelt. Mit der Zeitfenster-App hätte ich bei meinem Mercedes-Benz-Museumsbesuch die Kamera aber vielleicht mal auf den Mercedes-Stern gehalten und sehen können, wie der sich in den Jahren zum Beispiel im Design verändert hat. Ich wäre zwar immer noch kein Mercedes-Fan, aber dieser Aspekt der Mercedes-Geschichte hätte mich wirklich interessiert.

Die Zeitfenster-App gibt es kostenlos für iPhones im App Store.  Eine Android-Version ist in Planung und wird aller Voraussicht nach Anfang nächsten Jahres gelauncht. Alles weitere zur App auf der Homepage oder natürlich auch auf FB.

 

 

 

 

 

About Kathi

Kathi Mehr über Kathi lest ihr auf der Team-Seite.² Ihr findet sie auch bei Google+²

TAGS: , , , , , , , , ,

0 Comments

You can be the first one to leave a comment.

Leave a Comment